Wer sich mit Uhren beschäftigt oder seinen Kauf anstrebt, steht vor einer entscheidenden Frage: Soll meine neue Uhr ein sogenanntes Manufakturkaliber haben oder sind auch zugekaufte Werke von Drittanbietern in Ordnung?
Vor allem renommierte Uhrenhersteller wie Rolex, OMEGA oder auch unabhängige Hersteller wie NOMOS heben in ihren Werbeanzeigen und Produktbeschreibungen hervor, dass das verbaute Werk in den jeweiligen Modellen mit viel Aufwand, finanziellen Risiken und Know-how entwickelt wurde. Das wird später auch in Verkaufsgesprächen betont. Fair point! Die Entwicklung eines Kalibers nimmt in der Regel mehrere Jahre in Anspruch.
Es wird allerdings oft der Eindruck vermittelt, dass eine Uhr mit dem Titel „Inhouse“ oder „Manufakturkaliber“ etwas Exklusives und obendrein technisch überlegen gegenüber Werken sei, die in großen Stückzahlen für mehrere Marken produziert werden. Uhren mit ETA- oder Sellita-Werken hingegen werden oft als weniger prestigeträchtig wahrgenommen, selbst wenn die Uhren mehrere tausend Euro kosten.
Doch ist diese Sichtweise gerechtfertigt?
Befürworter von ETA- oder Sellita-Kalibern haben gute Argumente, warum es nicht unbedingt ein Manufakturkaliber sein muss. Diese Werke gelten in der Regel als zuverlässig, gut wartbar und profitieren von einer guten Ersatzteilversorgung. Sie haben über viele Jahrzehnte bewiesen, dass sie dauerhaft auf hohem Niveau funktionieren.
Zudem ist bei dem Begriff „Manufaktur“ Vorsicht geboten. Nicht jedes Inhouse-Kaliber ist so eindeutig einzuordnen, wie es das Marketing vermuten lässt. Gleichzeitig gibt es Hersteller, die technisch beeindruckende Werke in Eigenregie entwickeln. Deren Vorteile sind im Alltag für viele Träger aber kaum spürbar.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob ein Werk aus eigener Entwicklung stammt oder von einem spezialisierten Zulieferer kommt. Viel interessanter ist die Frage, welche Auswirkungen dies tatsächlich auf die Uhr hat. Wird sie dadurch präziser? Robuster? Wartungsfreundlicher? Oder zahlt der Käufer vor allem für Exklusivität und Prestige?
Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich ein genauer Blick hinter die Kulissen der modernen Uhrmacherei. Denn zwischen traditionellen ETA- und Sellita-Werken und hochmodernen Manufakturkalibern liegen weit mehr Unterschiede als bloße Marketingbegriffe. Manche davon sind technisch relevant. Andere existieren vor allem auf dem Papier.
Wie funktioniert ein mechanisches Uhrwerk?
Bevor wir auf die Thematik ETA-, Sellita- und Manufakturwerk näher eingehen, lohnt sich ein kleiner Blick auf die Funktionsweise von mechanischen Uhren. Diese funktionieren nämlich im Grunde alle nach demselben Prinzip.
Im ersten Schritt speichert eine Zugfeder die Energie für den Antrieb der Uhr. Diese Feder wird entweder durch den regelmäßigen Handaufzug über die Krone oder durch die Bewegung eines Rotors bei einer Automatikuhr gespannt.
Die dadurch gewonnene Energie wird im nächsten Schritt an ein Räderwerk weitergegeben. Am Ende des Räderwerks sorgt die Hemmung dafür, dass diese Energie nicht unkontrolliert freigesetzt wird, sondern in exakt definierten Schritten abgegeben wird. Die Unruh schwingt dabei kontinuierlich hin und her und bestimmt den Takt der Uhr. Je höher die Schwingungsfrequenz der Unruh, desto kleiner sind die einzelnen Zeitschritte, die das Uhrwerk messen kann. Die meisten modernen mechanischen Uhren arbeiten mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde, was einer Frequenz von 4 Hertz entspricht.
Einige Werke setzen auf niedrigere Frequenzen von 21.600 Halbschwingungen pro Stunde, um den Energieverbrauch zu reduzieren und längere Gangreserven zu ermöglichen. Hochfrequenzwerke wie das berühmte El Primero von Zenith hingegen arbeiten mit 36.000 Halbschwingungen pro Stunde beziehungsweise 5 Hertz. Über das Räderwerk werden diese Schwingungen schließlich in die Bewegung von Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger umgesetzt.
Ein wichtiger Aspekt für die Nutzerinnen und Nutzer von mechanischen Uhren ist die Ganggenauigkeit. Die Frequenz spielt dabei eine bedeutende Rolle, sie ist jedoch nicht der einzige entscheidende Faktor. Ebenso wichtig sind Faktoren wie die Qualität der Regulierung, die Konstruktion des Werks, die verwendeten Materialien und die Fertigungsqualität der einzelnen Komponenten.
Zudem beeinflussen Größe und Effizienz der Zugfeder die sogenannte Gangreserve. Dabei handelt es sich um die Zeitspanne, die eine Uhr nach dem vollständigen Aufzug weiterläuft, ohne erneut Energie zu erhalten. Bei den meisten modernen mechanischen Uhren liegt die Gangreserve zwischen 40 und 80 Stunden. Manche Uhrwerke schaffen aber auch deutlich über 100 Stunden. Eines davon ist das Calibre 400 von Oris, das eine Gangreserve von 120 Stunden aufweist.
Es ist spannend zu beobachten, dass sich die Grundarchitektur eines mechanischen Uhrwerks in den vergangenen Jahrhunderten kaum verändert hat. Die Unterschiede entstehen heutzutage vor allem durch die Qualität der verwendeten Materialien, die Feinregulierung und neue technische Lösungen, mit denen die Hersteller Präzision, Gangreserve, Magnetfeldresistenz und Wartungsintervalle verbessern.
Was ist ein Manufakturwerk?
Bei dem Begriff „Manufakturwerk“ gehen viele Uhrenkäufer davon aus, dass das Werk vollständig von der jeweiligen Marke entwickelt, produziert und schlussendlich auch montiert wurde. In der Praxis ist die Realität allerdings deutlich komplexer. Im Gegensatz zu klar definierten Bezeichnungen wie der Chronometer-Zertifizierung der COSC oder dem Co-Axial-System von OMEGA existieren keine festgeschriebenen Regeln, die ein Manufakturwerk eindeutig definieren.
Viele Hersteller bezeichnen ihre Kaliber zwar als Manufakturwerke, beziehen aber einzelne Komponenten von unterschiedlichen Zulieferbetrieben. Zu diesen Teilen zählen etwa Spiralfedern, Hemmungen und Lagersteine. Es können aber auch bestimmte Fertigungsschritte sein, die von anderen Unternehmen übernommen werden, weil entweder das Know-how oder die Ressourcen fehlen.
Dennoch kann eine Uhrenmarke auch in diesen Fällen von Manufakturwerken sprechen, wenn der Großteil der Wertschöpfung an einem Werk in den eigenen Werkstätten erfolgt ist. Schlussendlich ist entscheidend, ob die technische Entwicklung und die Konstruktion des Kalibers tatsächlich von der Marke selbst übernommen wurden oder nicht.
Was ist ein Fremdwerk?
Viele Uhrenhersteller können oder wollen sich die Entwicklung eigener Kaliber nicht leisten und setzen daher auf Fremdwerke. Das sind Kaliber, die von spezialisierten Herstellern entwickelt wurden und von unterschiedlichen Uhrenmarken verwendet werden. Die bekanntesten Anbieter sind ETA und Sellita. Daneben existieren weitere Hersteller wie Soprod, La Joux-Perret oder Concepto.
Für den Uhrenkäufer sind solche Werke keineswegs ein Nachteil. Sie wurden über viele Jahrzehnte weiterentwickelt, millionenfach erprobt und sind oftmals vergleichsweise einfach in der Wartung.
Die Geschichte von ETA
Die Ursprünge von ETA gehen bis in das 18. Jahrhundert zurück und sind eng mit der Entwicklung der Schweizer Uhrenindustrie verbunden. Als eigentliche Geburtsstunde des Unternehmens gilt das Jahr 1856, als die Uhrenfabrik Eterna im schweizerischen Grenchen gegründet wurde.
Innerhalb des Unternehmens entstand in der Folge eine Abteilung für die Entwicklung und Produktion von Uhrwerken. Im Jahr 1932 kam es zur Trennung zwischen der Marke Eterna und ihrer selbst entwickelten Werkabteilung. Von da an entwickelte das Unternehmen unter dem Namen ETA in Eigenregie Kaliber für unterschiedliche Marken.
Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewann ETA zunehmend an Bedeutung und entwickelte sich Schritt für Schritt zum führenden Produzenten von Rohwerken und kompletten Kalibern.
Ausgerechnet die Quarzkrise in den 1970er Jahren, in der batteriebetriebene Uhren vor allem aus Japan den Markt beherrschten, sollte dem Unternehmen ETA eine entscheidende Rolle geben. Durch standardisierte Werke konnten viele Marken ihre Produktion aufrechterhalten und weiterhin wettbewerbsfähig bleiben.
Einen erheblichen Teil am Erfolg der ETA-Werke hatte die Swatch Group. Diese wurde 1983 von Nicolas G. Hayek gegründet. ETA entwickelte sich binnen kürzester Zeit zum zentralen Werkslieferanten für den Konzern. Die Kaliber wurden in der Folge in zahlreichen Uhren unterschiedlicher Hersteller verbaut. Das ETA-Kaliber 2824-2 sowie das Valjoux 7750 wurden zu Klassikern und millionenfach hergestellt.
Die ETA-Kaliber wurden nicht nur in erschwinglichen Uhren verbaut. Zahlreiche renommierte Uhrenmarken nahmen diese Werke als Basis und modifizierten sie nach den eigenen Bedürfnissen. ETA lieferte also das technische Fundament für einen beträchtlichen Teil der Schweizer Uhrenindustrie.
2000er Jahre: ETA verliert an Bedeutung
Mit dem neuen Jahrtausend änderte sich die Situation. Die Swatch Group reduzierte die Lieferung von ETA-Werken an externe Hersteller. In der Folge begannen viele Marken, ihre eigenen Kaliber zu entwickeln oder auf andere Anbieter wie Sellita auszuweichen.
Trotz dieser Entscheidung blieb der Einfluss der ETA-Werke bis heute enorm. Ein großer Teil der bekanntesten Uhrwerke der vergangenen Jahrzehnte stammt aus den Entwicklungsabteilungen des Unternehmens und gilt bis heute als Maßstab für Zuverlässigkeit, Wartungsfreundlichkeit und industrielle Schweizer Uhrmacherkunst.
Die wichtigsten ETA-Werke
Es gibt keine offiziellen Angaben, wie viele Werke ETA pro Jahr produziert. Schätzungen zufolge sind es um die fünf bis sechs Millionen Kaliber pro Jahr. Damit zählt das Unternehmen zu den größten Herstellern der Welt. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich zahlreiche Werke zu wahren Klassikern entwickelt.
ETA 2824-2 und ETA 2892-A2
Das wohl bekannteste Werk von ETA ist das 2824-2. Die Frequenz beträgt 28.800 Halbschwingungen pro Stunde und die Gangreserve liegt bei rund 38 bis 40 Stunden. Dieses Kaliber ist äußerst robust, sehr zuverlässig und einfach in der Wartung. Aus diesen Gründen wurde es über Jahrzehnte hinweg von zahlreichen Herstellern verwendet und entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Automatikwerke der modernen Uhrengeschichte. Es gilt bis heute als solider Maßstab in der Schweizer Uhrenindustrie.
Als hochwertigere Alternative gilt das ETA 2892-A2. Das Werk ist flacher konstruiert und wird häufig in höherwertigen Uhren eingesetzt. Zahlreiche Luxusmarken nutzten dieses Kaliber über viele Jahre hinweg als Grundlage für eigene Konstruktionen oder umfangreiche Modifikationen.
ETA Powermatic 80
Mit dem Powermatic 80 entwickelte ETA eine moderne Weiterentwicklung klassischer Standardwerke. Das Kaliber erreicht eine Gangreserve von bis zu 80 Stunden und kommt heute unter anderem bei Tissot, Hamilton, Certina oder Mido zum Einsatz. Neben der erhöhten Gangreserve verfügen viele moderne Powermatic-80-Versionen über eine Nivachron-Spirale. Diese macht das Werk deutlich widerstandsfähiger gegenüber Magnetfeldern, die die Ganggenauigkeit negativ beeinflussen können.
Das Powermatic 80 zeigt, dass ETA auch heute noch neue technische Lösungen entwickelt und bestehende Konstruktionen kontinuierlich weiterentwickelt.
Eigene Werke für Longines
Innerhalb der Swatch Group spielt Longines eine besondere Rolle. Das Uhrenunternehmen verwendet nämlich keine klassischen Werke von ETA, sondern erhält speziell entwickelte Kaliber für die Modelle. Zu den bekanntesten Exklusivwerken zählen das L888, L893 oder L844. Diese Kaliber basieren technisch auf ETA-Konstruktionen, wurden jedoch speziell für Longines angepasst und werden exklusiv an die Marke geliefert.
Damit bewegt sich Longines in einer Grauzone, denn es handelt sich einerseits um keine klassischen Fremdwerke, andererseits aber auch um keine vollständigen Manufakturkaliber.
ETA/Valjoux 7750
ETA produzierte in den vergangenen Jahrzehnten auch Werke, die ursprünglich von anderen Herstellern entwickelt wurden. Dazu zählt unter anderem das Chronographenkaliber Valjoux 7750. Das Werk wurde Anfang der 1970er Jahre von Valjoux konstruiert und entwickelte sich binnen kurzer Zeit zu einem der erfolgreichsten Chronographenkaliber der Uhrengeschichte. Es wurde millionenfach produziert und in Uhren zahlreicher Hersteller verbaut.
Auch dieses Kaliber überzeugt durch Robustheit, eine einfache Wartung und eine hohe Zuverlässigkeit. Zahlreiche Marken nutzten das Valjoux 7750 als Grundlage für ihre eigenen Chronographen und modifizierten es je nach Anforderungen.
Sellita: Der größte Herausforderer von ETA
In der heutigen Uhrenszene spielt neben ETA vor allem Sellita eine zentrale Rolle. Dieses Unternehmen wurde in den 1950er Jahren gegründet und spielte lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle in der Schweizer Uhrenindustrie.
Erst ab den 2000er Jahren änderte sich die Situation, als die Swatch Group ankündigte, die Lieferung von ETA-Werken für externe Hersteller schrittweise zu reduzieren. Das brachte einige Uhrenmarken in eine Bredouille, denn viele Manufakturen waren weiterhin auf ETA angewiesen.
Mit Sellita fanden die Uhrenhersteller eine Alternative, die technisch sehr eng an die bekannten ETA-Konstruktionen angelehnt war. Möglich machten das Patente der Konkurrenz, die inzwischen ausgelaufen waren.
Bei Sellita gibt es ebenfalls keine offiziellen Produktionszahlen. Schätzungen zufolge produziert Sellita heute mehr als eine Million Uhrwerke pro Jahr.
Unter Uhrenliebhabern wird häufig diskutiert, ob ETA oder Sellita die bessere Wahl ist. In der Praxis sind die Unterschiede jedoch oftmals kleiner, als viele vermuten. Beide Hersteller produzieren robuste und bewährte Werke, die sich über Jahre hinweg im Alltag bewährt haben.
Die wichtigsten Sellita-Werke
SW200-1
Das SW200-1 ist das bekannteste Werk von Sellita und gilt als härtester Konkurrent zum 2824-2 von ETA. Es arbeitet mit einer Frequenz von 28.800 Halbschwingungen pro Stunde und bietet eine Gangreserve von überschaubaren 38 Stunden.
SW300-1
Das SW300-1 orientiert sich technisch am ETA 2892-A2 und wird häufig in höherwertigen Uhren eingesetzt. Das Werk ist flacher konstruiert als das SW200-1 und eignet sich dadurch besonders für schlankere Gehäuse. Es bildet die Basis für eigene Modifikationen oder weitere Komplikationen.
SW500
Mit dem SW500 bietet Sellita ein Chronographenkaliber an. Auch dieses Werk orientiert sich stark am bereits erwähnten Valjoux 7750. Es ist robust und zuverlässig, daher greifen viele Hersteller auf dieses Kaliber zurück.
Sellita hat sich seit der schrittweisen Reduzierung der ETA-Lieferungen an externe Uhrenhersteller zu einem der führenden Lieferanten von zuverlässigen Kalibern entwickelt. Für viele Marken wäre die Produktion der eigenen Modelle ohne Sellita deutlich schwieriger. Das zeigt aber auch, wie abhängig ein erheblicher Teil der Uhrenindustrie von diesen beiden Werkelieferanten ist.
Manufakturwerke: Wo beginnt der echte technische Mehrwert?
Nun stellt sich eine zentrale Frage: Was können moderne Manufakturwerke besser als etwa ETA und Sellita?Zahlreiche Hersteller investieren erhebliche Summen in eigene Werke. Die Entwicklungsdauer beträgt oft mehrere Jahre. Diese Kaliber unterscheiden sich in vielen Fällen technisch gesehen deutlich von den klassischen Standardwerken von ETA und Sellita.
Viele Aspekte sind im Alltag eines Uhrenträgers relevant, einige sind aber nur für Sammler und Technikfans interessant. Nun folgen Beispiele, wie renommierte Uhrenmanufakturen ihre Ideen schrittweise umgesetzt haben und damit neue Standards gesetzt haben.
OMEGA: Co-Axial und Master Chronometer
Wer sich mit Uhren beschäftigt, dem wird die Co-Axial-Hemmung ein Begriff sein. Diese wurde ursprünglich vom britischen Uhrmacher George Daniels entwickelt. Im Gegensatz zur klassischen Ankerhemmung soll dieses System die Reibung im Werk reduzieren und dadurch langfristig stabilere Gangwerte ermöglichen.
Zudem haben moderne OMEGA-Kaliber eine viel höhere Widerstandsfähigkeit gegen Magnetfelder. Vor allem in den vergangenen Jahren wurde das immer mehr an Bedeutung. Man denke nur an Smartphones, Lautsprecher, Magnetverschlüsse oder auch Induktionsherde, die ein Uhrenwerk aus dem Tritt bringen können. OMEGA begegnet diesem Problem mit modernen Materialien und Werken, die teilweise gegen Magnetfelder bis 15.000 Gauß geschützt sind.
Master-Chronometer-Zertifizierung
Ein weiterer Punkt ist die Master-Chronometer-Zertifizierung. OMEGA lässt seine Master-Chronometer-Uhren auf eine durchschnittliche tägliche Gangabweichung von 0 bis +5 Sekunden prüfen. Die Uhr darf im Test also keinen zeitlichen Rückstand aufweisen. Zusätzlich wird nicht nur das Werk, sondern die fertig montierte Uhr unter anderem auf Magnetfeldresistenz, Gangreserve und Wasserdichtigkeit getestet.
Hier zeigt sich, dass das Wort „Manufakturwerk“ für OMEGA nicht nur ein Marketingbegriff ist. Es sind technische Innovationen und Vorteile, die für den Uhrenträger im Alltag relevant sind. Hier können klassische ETA- und Sellita-Werke nicht mithalten.
TUDOR: Die pragmatische Form des Manufakturwerks
TUDOR wird in manchen Kreisen als die „kleine Schwester“ von Rolex bezeichnet. Dabei hat sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren eine solide Selbstständigkeit aufgebaut und dabei auch eigene Kaliber in Angriff genommen.
Besonders bekannt sind die MT-Kaliber. Diese Werke verfügen in der Regel über 70 Stunden Gangreserve und eine Siliziumspirale. Zudem sind sie COSC-zertifiziert. COSC steht für Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres und bezeichnet die offizielle Schweizer Chronometerprüfung. Dabei wird ein mechanisches Uhrwerk über 15 Tage in verschiedenen Lagen und bei unterschiedlichen Temperaturen geprüft. Die wichtigste Kennzahl ist die durchschnittliche tägliche Gangabweichung von -4 bis +6 Sekunden pro Tag. Besteht das Werk diese Prüfung, darf es als Chronometer bezeichnet werden.
TUDOR hat eine Sonderstellung
Die Schweizer Uhrenmanufaktur nimmt eine Sonderstellung ein. Die TUDOR-Kaliber stehen eng mit Kenissi in Verbindung. Kenissi wurde als Werkespezialist zu einem großen Teil 2016 von TUDOR aufgebaut und produziert heute die Manufakturkaliber der Marke. Gleichzeitig beliefert Kenissi auch andere Hersteller wie Chanel, Breitling oder TAG Heuer. Hier zeigt sich hervorragend, wie fließend die Grenzen zwischen dem eigenen Inhouse-Werk und dem Beliefern anderer Uhrenhersteller sind.
Die Gehäuse von TUDOR sind in den meisten Fällen sehr robust ausgelegt. So verhält es sich auch mit den Werken. Die Manufaktur verzichtet in den meisten Fällen auf aufwändige Verzierungen und Böden aus Saphirglas. Die Werke sollen robust, präzise und alltagstauglich sein. Genau darin liegt ihr eigentlicher Reiz.
Breitling: Vom Chronographen zum eigenen Dreizeigerwerk
Breitling ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich ein Unternehmen immer unabhängiger machte. Viele Jahre setzte die Schweizer Uhrenmanufaktur auf bewährte Chronographenwerke wie das Valjoux 7750, andere Kaliber wurden zugekauft und umfangreich angepasst.
2009 stellte Breitling mit dem B01 sein eigenes Werk für Chronographen vor, das auch von TUDOR benutzt wurde. Es ebnete damit den Weg zu einer technischen Eigenständigkeit. Das Werk hatte 70 Stunden Gangreserve, eine Schaltradsteuerung und eine vertikale Kupplung. Es ist außerdem COSC-zertifiziert und gilt bis heute als eines der maßgeblichsten modernen Kaliber für Chronographen.
Das Kaliber B31 als weiterer Meilenstein
2025 folgte ein weiterer Meilenstein. Breitling präsentierte das Kaliber B31. Es handelt sich dabei um ein selbst entwickeltes automatisches Dreizeiger-Manufakturkaliber mit Datumsfunktion. Das Werk arbeitet mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde, bietet rund 78 Stunden Gangreserve und ist ebenfalls COSC-zertifiziert.
Damit zeigt Breitling, dass sich die eigene Werkekompetenz nicht mehr nur auf Chronographen und Fliegeruhren beschränkt. Im Vergleich zu klassischen ETA- oder Sellita-Werken sind diese Kaliber moderner und exklusiver, im Service aber meist auch komplexer und teurer.
Zenith: Die Legende namens El Primero
Es gibt eine Uhrenmarke, die vor allem für ein Werk bekannt ist. Es handelt sich dabei um Zenith und sein Chronographenwerk El Primero, das 1969 vorgestellt wurde. Es gehörte damals zu den ersten automatischen Chronographenkalibern überhaupt und wurde eine Zeit lang in stark modifizierter Form von Rolex für die Daytona genutzt.
Das El Primero unterscheidet sich von den Werken der Konkurrenz durch eine höhere Frequenz. Diese beträgt 36.000 Halbschwingungen pro Stunde. Das entspricht 5 Hertz. Dadurch kann die Zeit in Zehntelsekunden gestoppt werden. Genau diese technische Eigenheit macht das Werk bis heute besonders. Gleichzeitig bringt eine höhere Frequenz auch gesteigerte Anforderungen an Konstruktion, Schmierung und Wartung mit sich. Das El Primero ist also nicht nur wegen seiner Geschichte spannend, sondern auch wegen seiner technischen Auslegung.
Das El Primero zeigt eindrucksvoll, dass ein Manufakturkaliber die gesamte Identität und Geschichte einer Marke prägen kann. Im Alltag spielt die hohe Frequenz für viele Träger aber nur eine untergeordnete Rolle. Für Sammler und Technikfans ist das El Primero bis heute eines der überzeugendsten Argumente für Zenith.
Grand Seiko: Spring Drive und High Beat
Hervorragende Werke werden nicht nur in der Schweiz oder in Deutschland konstruiert. Das beweist Grand Seiko. Die 1960 in Japan gegründete Uhrenmarke zeigt, dass ein Manufakturwerk nicht zwingend nach klassischen Regeln funktionieren muss. Das Unternehmen steckte eine große Menge an Geld und Zeit in die Umsetzung des so genannten “Spring Drive”-Werks. Die Energie stammt wie bei einer mechanischen Uhr aus einer Zugfeder. Eine herkömmliche Hemmung und eine schwingende Unruh gibt es allerdings nicht. Stattdessen regulieren ein Quarzoszillator gemeinsam mit einem integrierten Schaltkreis und einer elektromagnetischen Bremse die Geschwindigkeit des Räderwerks.
Eine Batterie wird dafür nicht benötigt, da das Werk den notwendigen Strom selbst erzeugt. Das weitverbreitete Kaliber 9R65 bietet rund 72 Stunden Gangreserve und eine angegebene Genauigkeit von etwa 1 Sekunde Abweichung pro Tag. Auffällig ist zudem der Sekundenzeiger, der fließend über das Zifferblatt gleitet.
Wer eine vollständig mechanische Konstruktion bevorzugt, findet bei Grand Seiko aber auch klassische High-Beat-Werke. Das Kaliber 9S85 arbeitet mit 36.000 Halbschwingungen pro Stunde beziehungsweise 5 Hertz. Die höhere Frequenz kann dazu beitragen, äußere Störungen besser auszugleichen und stabilere Gangwerte zu erreichen. Sie verlangt dem Werk allerdings wie beim El Primero mehr Energie ab und erhöht die Anforderungen an Materialien, Schmierung und Haltbarkeit.
Beim neueren Kaliber 9SA5 verbindet Grand Seiko die hohe Frequenz mit einer eigenen Dual-Impulse-Hemmung und zwei Federhäusern. Dadurch erreicht das Werk trotz seiner 36.000 Halbschwingungen eine Gangreserve von rund 80 Stunden. Grand Seiko verfolgt somit zwei unterschiedliche Wege. Spring Drive verbindet eine mechanische Energiequelle mit elektronischer Regulierung, während die High-Beat-Kaliber die klassische Mechanik technisch weiter ausreizen. Beide Ansätze bieten einen nachvollziehbaren Mehrwert, sind im Service aber komplexer und stärker an den Hersteller gebunden.
Sind Manufakturwerke besser?
Nach all diesen Beispielen stellt sich nun die Frage, ob Manufakturwerke besser als zugekaufte Werke wie jene von ETA oder Sellita sind. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht.
Ein modernes Manufakturwerk kann Vorteile bieten. Dazu zählen längere Gangreserven, bessere Magnetfeldresistenz, moderne Materialien, eigene Hemmungssysteme oder aufwendigere Funktionen, die mit den Standardwerken nur schwer bis gar nicht umsetzbar sind. OMEGA, TUDOR, Breitling oder Zenith zeigen, dass eigene Werke durchaus einen technischen Mehrwert bringen können.
Es bedeutet aber nicht, dass eine Uhr präziser, robuster oder langlebiger ist. Ein gut reguliertes ETA- oder Sellita-Werk kann ebenfalls hervorragende Gangwerte liefern und über viele Jahre zuverlässig funktionieren.
Ein wichtiger Punkt ist auch die Wartung sowie die Beschaffung von Ersatzteilen. Viele Uhrmacher kennen ETA- und Sellita-Werke sehr genau, was Reparaturen oft einfacher und günstiger macht. Manufakturkaliber sind häufig komplexer aufgebaut und an den jeweiligen Hersteller gebunden. Das kann im Service teurer werden. Auch Ersatzteile sind nicht immer sofort verfügbar und in den meisten Fällen teurer.
Mein Fazit: Es kommt nicht nur auf die Herkunft an
Die Diskussion um Manufakturwerke, ETA und Sellita wird oft emotional geführt. Genau deshalb lohnt sich der nüchterne Blick auf das verbaute Kaliber. Ein Manufakturwerk kann eine Uhr technisch und emotional aufwerten. Es macht sie aber nicht automatisch besser. Gleichzeitig ist ein ETA- oder Sellita-Werk kein Makel, sondern in vielen Fällen eine robuste und vernünftige Lösung.
Trotzdem muss ich zugeben, dass mich Inhouse-Werke persönlich mehr faszinieren. Nicht, weil sie automatisch besser sein müssen, sondern weil mich der enorme Aufwand beeindruckt, der hinter der Entwicklung eines eigenen Kalibers steckt. Ein Werk über Jahre hinweg zu konstruieren, zu testen und am Ende serienreif in eine Uhr zu bringen, ist eine technische Leistung. Diese Leistung verstärkt für mich den Reiz einer mechanischen Uhr noch einmal.
Am Ende zählen aber nicht die markigen Sprüche des Uhrenverkäufers, Datenblätter oder Marketing-Aktionen, sondern die Qualität der Konstruktion. Nicht jede Uhr mit Inhouse-Werk ist automatisch überlegen. Und nicht jede Uhr mit ETA- oder Sellita-Kaliber ist automatisch weniger wert.
Deine Meinung ist gefragt!
Und jetzt interessiert mich eure Meinung: Bevorzugt ihr Uhren mit Manufakturkaliber oder vertraut ihr lieber auf bewährte Werke von ETA, Sellita und Co.? Ist euch technische Eigenständigkeit entscheidend oder zählt für euch am Ende vor allem Zuverlässigkeit, Wartbarkeit und das Gesamtpaket der Uhr? Schreibt eure Meinung gerne in die Kommentare.
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