Auch in der Uhrenindustrie herrscht Sportsgeist. Wieso sollte es auch anders sein, als irgendwo anders? Wo Dinge hergestellt werden, gilt es zu beweisen, dass man an die Spitze gehört! 

In diesem Beitrag nehmen die beiden vorgestellten Marken das sogar ziemlich wörtlich. Denn welche Uhr war die erste Uhr auf der Spitze des Mt. Everest? Diese Frage versuche ich in diesem Artikel von allen Seiten zu beleuchten und etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

 

Geht es darum, in einer Disziplin der Erste zu sein, bildet auch die Erstbesteigung des Mt. Everest keine Ausnahme. Im Detail geht es hier um den Schweizer Uhrengiganten Rolex und das englische Traditionsunternehmen Smiths.

„Aber die Rolex Explorer war doch die erste Uhr auf dem Mt. Everest“, werden einige von euch jetzt bestimmt sagen. „Wozu also die Nachforschungen anstellen?“ Wartet’s ab!

 

Um zu verstehen, welche Rolle die beiden Uhrenhersteller spielen, springen wir zurück und schauen uns erst einmal an, wer die beiden besagten Firmen denn überhaupt sind. Vorrangig beschränken wir uns dabei aber auf Smiths, denn die Wahrscheinlichkeit, dass jemand da draußen noch nicht von Rolex gehört hat, halte ich für verschwindend gering.

 

Ebenfalls wichtig zu erwähnen ist, dass es keine 100%ig eindeutige Datenlage gibt. Viele Berichte überschneiden sich, einiges widerspricht sich sogar. Die folgende Zusammenfassung verschafft jedoch einen guten Überblick und stellt die Faktenlage so dar, wie sich eigentlich fast alle Quellen einig werden konnten. Aber nun los!

 

Die Geschichte von Smiths beginnt im Jahre 1851. Samuel Smith gründete damals ein kleines Juweliergeschäft und vertrieb Schmuck im südöstlichen London. Als er begann Uhren zu fertigen und zu vertreiben wurde schnell klar, dass in ihm ein außergewöhnliches Talent schlummerte. So erlangte er binnen kürzester Zeit den Ruf, Großbritanniens bester Uhrmacher zu sein. Schnell gelang es ihm, mit seinem Geschäft zu expandieren und seine Firma kaufte viele kleinere Manufakturen und Juweliere im Großraum London auf. Der Name „Smiths“ erlangte sprunghaft große Popularität.

Mit Blick auf das Wachstum der Firma erweiterte Smiths zu Beginn der frühen 1900er ihre Kompetenzen und baute fortan zusätzlich Tachometer und Borduhren für Autos. Spätestens nachdem der „Royal-Mercedes“ von Edward VII mit einer Smiths Borduhr ausgestattet wurde, gab es für den englischen Hersteller keine Grenzen mehr.

 

So eröffnete Smiths ihren neuen Hauptgeschäftssitz auf der Great Portland Street („The Motor Row“) und etablierte sich so in der Automobilindustrie. Dynamos, Generatoren, aber auch Front- und Rückleuchten gehörten schon bald zum Repertoire und die Smiths Group wurde bedeutender Teilhaber vieler Geschäftszweige in der Automobilbranche. Diese gewann mit Ausbruch des Krieges zunehmend an Bedeutung und bald lieferte Smiths einen Großteil der weltweit benötigten Instrumente für Autos und Motorräder.

 

In den nächsten Jahren tätigte Smiths den nächsten großen Schritt: sie wurden zum Ausstatter der legendären „Spitfire“ und hatten nun auch in der Luftfahrt einen großen Fuß in der Tür. Analog zum großen Erfolg in den motorisierten Brachen schwand das Interesse an den Zeitmessern für das Handgelenk. Die Quarzkrise in den 70er Jahren versetzte Smiths Uhren endgültig den Todesstoß, da sie dem zunehmenden Druck aus Japan und der Schweiz nicht mehr standhalten konnten. Eine große Rolle spielte auch der nicht vorhandene Rückhalt seitens der englischen Bevölkerung, welche zu dieser Zeit Zeitmesser aus japanischer und schweizerischer Herstellung bevorzugte.

 

Lange sollte es nicht dauern, bis der Autoindustrie das selbe Schicksal widerfuhr und Smiths schlussendlich an die Caerbont Group verkaufen musste. Als GE Aviation 2007  das Luftfahrtstandbein der Smiths Group erwarb, war dies das letzte Stück einer traditionsreichen und aufregenden Historie. Doch auch heute ist die Smiths Group erfolgreich. Als börsendotiertes Unternehmen für Maschinenbau ist es nach wie vor auf Londoner Boden ansässig und unter dem CEO Andy Reynolds Smith nach wie vor in Familienbesitz.

Um nun die Rolle und Wichtigkeit von Smiths – aber auch Rolex – bei den Expeditionen zur Spitze des Mt. Everest besser einordnen zu können, müssen wir einen etwas breiteren Kontext betrachten. Bereits seit 1933 hatte Rolex ausgesuchten Abenteurern Uhren zur Verfügung gestellt, welche auf den verschiedensten Touren ins Himalayagebirge getragen werden sollten. Bei diesen Uhren handelte es sich um Oyster Perpetuals, welche Rolex auf Robustheit und Widerstandsfähigkeit unter rauesten Bedingungen testen wollte. Alle ausgehändigten Modelle wurden in der Regel später an Rolex zurückgegeben, sodass diese ausgewertet werden konnten. Anhand dieser Daten wurden nun Dichtigkeit, Schockresistenz und allgemeine Beständigkeit verbessert.

Im Jahre 1951 trug es sich zu, dass ein Team britischer Abenteurer sich unter der Leitung von Eric Shipton zu einer Erkundungstour nach Nepal aufmachte. Geopolitisch hatte sich einiges getan, neue Grenzen standen offen, koloniale Mächte hatten sich verschoben und nun wetteiferten die Nationen darum, wer als erstes von diesem Wandel profitieren und den ersten Fuß auf den Gipfel des unbezwingbaren Berges setzen könnte. Angekommen in Nepal stieß die Britische Truppe auf  Edmund Hilary, einen Neuseeländischen Bergsteiger und Abenteurer, welcher sich zufällig im Land befand. Eric Shipton, bekannt für seine spontane und unkomplizierte Art, integrierte Hillary prompt in sein Team. Er tat dies einfach „weil er Neuseeländer mochte“, wird er aus verschiedenen Quellen zitiert. Die Expedition in diesem Jahr hatte nicht das Ziel, den Gipfel tatsächlich zu erreichen. Vielmehr sollten Routen ausgekundschaftet werden, um eine tatsächliche Expedition besser vorbeireiten zu können.

 

Doch wie das Schicksal es wollte, erhielten die Briten im Folgejahr 1952 nicht die ersehnte Lizenz, den Berg zu erklimmen. Diese wurde nämlich nur einmal Jährlich erteilt und ging in diesem Jahr an das von Rolex gesponserte „Swiss Everest Expedition Team“. Die Briten waren am Boden zerstört, hätte diese Expedition doch ihr großer Glanzmoment werden sollen. Auch darf nicht vergessen werden, dass der Druck auf dem Britischen Team seitens ihrer Regierung enorm war. Kürzlich erst hatte Großbritannien einige ihrer bedeutendsten Kolonien verloren und war nun darauf bedacht, sein Ansehen in der Welt aufzupolieren. Die Bezwingung des höchsten Berges der Welt war ein geplanter Teil dieser Kampagne.

Nun aber geschah es, dass die Schweizer unter der Führung des Sherpas und talentierten Bergsteigers Tenzing Norgay den Südsattel des Mt. Everest erreichten. Der höchste Punkt, welcher jemals von einem Menschen bestiegen worden war. Als Zeichen des Dankes schenkte Rolex dem Sherpa Norgay eine gravierte goldene Rolex Datejust.

Dass die Schweizer zwar einen neuen Höhenrekord aufgestellt, nicht jedoch final den Gipfel erreicht hatten, ließ den Kampfgeist der Briten wieder auferstehen. Getrieben vom Willen und angepeitscht von der Tatsache, dass die Besteigungslizenzen der nächsten Jahre alle bereits vergeben waren, sahen sie es als ihr Schicksal und ihre letzte Chance die ultimative Besteigung des Mt. Everest im Jahre 1953 zu verwirklichen. Unter massivem medialen Interesse wurde die Expedition akribisch vorbereitet. Der zwar erfahrene, doch in die Jahre gekommene Eric Shipton übertrug die Leitung der Unternehmung dem deutlich jüngeren John Hunt. Nur widerwillig ließen sich die Mitglieder der gewagten Expedition überzeugen, doch stimmten letzen Endes alle zu. Die Rolle des ortskundigen Bergführers sollte erneut Tenzing Norgay übernehmen, da dieser im Vorjahr die Route zum Südsattel bereits erfolgreich bewältigt hatte.

 

Die insgesamt 10-12 Mann starke Crew sollte – mit Ausnahme Edmund Hillarys und Tenzing Norgays – vollständig aus Briten bestehen. Auch der Sponsor war britisch. Smiths Watches stellte den Abenteurern Armbanduhren zur Verfügung, welche sie auf ihrer Tour begleiten sollten. Eine Ausnahme bildete wieder Hillary, welcher als von Rolex gesponserter Athlet in vertraglicher Verpflichtung gegenüber dem Schweizer Uhrenunternehmen stand.

Die strategische Durchführung des Abenteuers war essenziell. Das gesamte Team erreichte den Südgipfel und schlug dort in einer schwindelerregenden Höhe von 8420 Metern ihr Basislager auf. Nun sollten, täglich wechselnd, kleine Fraktionen des Team die finale Besteigung wagen. Am 28. Mai 1953 waren Tenzing Norgay und Edmund Hillary an der Reihe und verließen am Morgen das Lager um zur letzten Etappe aufzubrechen.

Dank günstiger Bedingungen bewältigten sie den Aufstieg und überwanden auch die letzte kritische Hürde – den gefürchteten „Hillary Step“, einen schwer zu passierenden Steilhang kurz vor dem Gipfel – und erreichten Mittags das Dach der Erde. Das Unmögliche war vollbracht. Edmund Hillary zückte seine Kamera und schoss ein Foto von Norgay, welches später durch die Welt ging. Von Hillary selber existiert kein Foto. Dies hat zwei mögliche Gründe. Hillary behauptete, er hätte vor lauter Euphorie schlichtweg vergessen Norgay um ein Foto zu bitten. Andere Quellen berichteten, dass Norgay zwar ein Weltklasse Bergsteiger war, sich jedoch im Umgang mit der damals noch recht umständlichen Technik einer Kamera als eher ungeschickt erwies. Er wusste sie schlichtweg nicht zu bedienen.

 

Eine Frage bleibt jedoch bisweilen offen: Welche Uhr befand sich den nun an den Handgelenken der beiden Bergsteiger? Um diese Frage zu klären, muss man verschiedene Quellen heranziehen, was mitunter gar nicht so leicht ist, denn vollständig dokumentiert ist das Ganze nicht. Gesichert zu sein scheint aber, dass Edmund Hillary – wie es sich für einen guten Bergsteiger gehört – nicht nur eine Uhr mit auf die Expedition nahm. Mit einer Rolex Oyster Perpetual aus seinem Privatbesitz am einen und einer Smiths De Luxe vom Expeditionssponsor am anderen Handgelenk startete er in sein waghalsiges Abenteuer. Das war durchaus üblich, da sich Bergsteiger damals voll und ganz auf ihre Uhren verlassen mussten. Da ging man lieber auf Nummer sicher. Übereinstimmenden Berichten zufolge ließ Hillary seine Rolex jedoch am Tag des 28. Mai 1953 bei Anbruch der letzten Etappe im Basislager auf dem Südgipfel des Mt. Everest zurück. Seine zweite Uhr jedoch brachte er mit: die Smiths De Luxe

So ist es zwar vollkommen richtig, dass die damalige Rolex Oyster Perpetual (der Vorfahre der Explorer) 1952 bei der Expedition der Schweizer die erste Uhr war, die den damals höchsten von einem Menschen erklommenen Punkt auf dem Mt. Everest erreichte und außerdem treuer Begleiter Hillarys bei der Tour zum endgültigen Aufstieg im Jahre 1953 war;

die erste Uhr auf dem Gipfel des Berges und damit dem höchsten Punkt der Welt war jedoch die Smiths De Luxe.

 

Wieso aber assoziieren die Menschen die Erstbesteigung des Mt. Everest mit Rolex? Das hat vielerlei Gründe. Der erste und sicherlich Wichtigste ist, dass man Rolex nicht absprechen kann, einen großen Teil zur Bezwingung des Berges beigetragen zu haben. Schließlich waren sie Sponsor der Expedition im Jahre 1952, welche den Weg für das britische Team im Folgejahr ebnete. Außerdem waren sie Sponsor von Edmund Hillary, welcher 1953 den Gipfel erfolgreich erreichte. 

Ein weiterer Punkt ist, dass Rolex von allen Uhrenherstellern das teuerste und intensivste Marketing betreibt. Dies ist allseits bekannt und war auch früher schon so. Rolex verstand von Anfang an, Kunden richtig anzusprechen und das Gefühl eine Rolex zu tragen viel mehr zu verkaufen, als die Zeitmesser selbst. 

Smiths hatte damals schlichtweg nicht die Mittel, eine ähnliche Marketingstrategie zu verfolgen und sich als Everest-Uhr zu vermarkten. Ein weiterer Geniestreich von Rolex war es außerdem, zwar nie zu behaupten, die erste Uhr auf der Spitze des Mt. Everest gewesen zu sein, es aber auch nie zu verneinen. So wurden mehrdeutige Werbekampagnen angesetzt, welche es dem Betrachter überließen, die Geschichte zu Ende zu denken. 

 

Alles in allem eine wirklich spannende Geschichte und ein tolles Beispiel für die Wichtigkeit und Bedeutung von Großevents für Uhrenhersteller. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Doch auch belegt der Hergang der Geschichte zweifelsfrei: Marketing is everything.