Bei all seiner Vielfältigkeit lässt der Uhrenmarkt manchmal vergessen, was die ursprüngliche Bestimmung jener Objekte war, die wir hier in der Community so schätzen. In einer Zeit, lange vor der Unseren, war es das handwerkliche Geschick der Uhrmacherinnen und Uhrmacher, welche in ihren Werkstätten Zeitmesser regulierten und so den Menschen die Möglichkeit gaben, die Tageszeit abzulesen. Heute beeindrucken uns Komplikationen, Zifferblätter, innovative Technologien, hochwertige Materialien oder sogar edle Verzierungen, wie Diamantbesatz.

Umso erfrischender ist es, wenn Manufakturen den Fokus auf das Wesentliche legen; sich quasi ihrer Wurzeln besinnen und der Chronometrie Respekt zollen – der möglichst genauen Darstellung von Zeit.

Wie aufmerksamen Leserinnen und Lesern des Altherr-Blogs sicherlich inzwischen bekannt sein dürfte, bedingen verschiedenste Faktoren die Präzision einer mechanischen Uhr. Neben korrigierbaren Variablen, wie beispielsweise Reibung der Einzelteile (Stichwort Ölung), Temperaturschwankungen, Stöße, Lagenwechsel oder Magnetisierung mancher Komponenten, spielen auch die Architektur des Uhrwerkes, die Länge und gespeicherte Energie der Aufzugsfeder oder angetriebene Komplikationen eine wichtige Rolle. Oft vernachlässigt ist jedoch die Schwingfrequenz der Kaliber, welche die Uhren antreiben.

Während viele reguläre, moderne Unruhen mit einer Frequenz von 28.800 VPH (Acht „Ticks“ des Sekundenzeigers pro Sekunde) operieren, schwingen einige sogar lediglich mit Frequenzen zwischen 18.000 bis 25.000 VPH. Insbesondere prestigeträchtige High-End Hersteller entscheiden sich für langsamere Schwingfrequenzen.

Dies hat gleich mehrere Gründe. Zum einen ist eine langsam schwingende Unruh ein Tribut an die Zeiten der Taschenuhren, welche die Urahnen der heutigen Zeitmesser darstellen. Zudem liefern niedrigere Oszillationen einen durch offene Gehäuseböden beobachtbaren Mehrwert.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Folgende: Je langsamer Unruhen operieren, desto ungenauer laufen sie in der Regel. Diese Tatsache bietet Herstellern die Möglichkeit ihre uhrmacherischen Muskeln spielen zu lassen und durch Feinjustage, Kaliberarchitektur oder Chronometrie-verbessernde Komplikationen, wie Tourbillons, die Gangwerte der Zeitmesser positiv zu beeinflussen.

Aber wie hängt nun eine hohe Schlagzahl mit der Präzision einer Uhr zusammen?
Zu sagen, dass hohe Schwingfrequenzen (ab 36.000 VPH, 10 „Ticks“ pro Sekunde spricht man von einem High-Beat Uhrwerk) eine Uhr präziser machen, ist prinzipiell nicht falsch, jedoch nicht das gesamte Bild. So sind beispielsweise die legendären Standuhren von Sigmund Riefler für ihre ungeheure Präzision bekannt. Dabei schwang das Pendel lediglich mit 0.5 Hz.

So schlagen wir jedoch den Bogen zum zuvor Besprochenen: Je schneller eine Unruh schwingt, desto schneller erholt sie sich von Umwelteinflüssen, Stößen, Spannungswechsel der Aufzugsfeder, Temperaturschwankungen oder Lagenwechseln und kehrt zu ihrer gewünschten Frequenz zurück. Das zeigt auf, dass Präzision nicht alleinig von der Frequenz des Pendels bzw. der Unruh abhängt, sondern vielmehr von deren Konstanz.

Bildquelle: Zenith.

Wenn man die Qualität eines Schwingungssystems in nur einem Wort definieren könnten, wäre dies wahrscheinlich der Qualitätsfaktor – oder Q-Faktor. Dabei handelt es sich um einen Begriff, der sowohl in der Physik als auch in der Uhrmacherei verwendet wird. Dieser Wert gibt das Verhältnis der Energie des Oszillators zum Energieverlust durch Reibung pro Schwingung an.

Uhrmacher:innen versuchen, den Energieverlust so gering wie möglich zu halten. Die Erhöhung der Frequenz eines schwingenden Systems ist der praktikabelste Weg, dies zu erreichen und so den Gütefaktor des Uhrwerkes zu erhöhen. Zudem stabilisiert und zentriert eine höhere Schlagfrequenz die kreisrunde Unruh, was ebenfalls zur Verminderung des Energieverlustes beiträgt. Physik kann so schön sein.

Bei all diesen herrlichen Vorteilen fragt man sich nun aber zwangsläufig, wieso nicht jeder Hersteller ausschließlich High-Beat Uhrwerke in seinen Zeitmessern verbaut. So wie immer gibt es zu jedem Vorteil auch einen entsprechenden Nachteil. Im Falle von schnell schwingenden Uhrwerken liegen diese auf der Hand. Je öfter die Unruh vibriert, desto häufiger haben die Einzelteile Kontakt zueinander. Dies erhöht den Verschleiß und macht häufigere Wartungen notwendig. Spezielle Schmiermittel werden benötigt. Zudem entlädt sich die in der Hauptfeder gespeicherte Energie erheblich schneller, was potenziell die Gangreserve verkürzt. Auch die Konstruktion eines High-Beat Uhrwerks gestaltet sich häufig als gar nicht so leicht. Die mobilen Teile müssen möglichst wenig eigenes Gewicht mitbringen, um sich entsprechend leichtgängig und schnell bewegen zu lassen. Dies erfordert besondere Entwicklung und Technologie. Der Unruhreif eines Schnellschwingers ist zudem in der Regel – verglichen mit denen ihrer langsamer schwingenden Zeitgenossen – relativ klein. Dies ist notwendig, da so die Trägheit gering gehalten wird. Kleinere Unruhen sind jedoch deutlich kniffliger und schwieriger von Hand zu regulieren.

Nun wisst ihr also Bescheid und könnt in Zukunft einschätzen, was sich hinter den von den Herstellern angegebenen Oszillationsfrequenzen verbirgt. Ich hoffe, das Lesen hat euch Spaß gemacht. Wenn ihr auf der Suche nach einer echten High-Beat Armbanduhr seid, dann guckt doch gerne mal HIER [Grand Seiko], HIER [Zenith] oder HIER [Longines Ultra-Chron]. Ein ausführliches Review zur neuen Ultra-Chron von Longines findet ihr zudem HIER